Auszüge aus dem Audio-Tagebuch von Amanda C. McCoy


27. März 2072

Verdammt. Ich weiß nicht, ob das so clever war, aber ich bin getürmt. In ca einer Stunde wird es hell. Spätestens dann dürften sie wissen, dass ich nicht mehr da bin. Ich hab noch Schwierigkeiten, die Beine zu kontrollieren. Ich glaub, ich seh erst einmal zu, dass ich meinen Körper beherrschen lerne, bevor ich meinen Eltern unter die Augen trete. Wenn alles gut verwachsen und verheilt ist, können sie mir die Beine auch nicht mehr so einfach wegnehmen. Ich werd mich wohl erst einmal nach Seattle durchschlagen. Ich denke, das ist weit genug und die Stadt ist groß. Pass auf dich auf Thomas und danke für deine Hilfe.

4.August 2072

Ich hab Hunger. Seattle ist ein Drecksloch. Überall sind nur Kriminelle und ich bin auf dem besten Weg, auch einer zu werden. Aber irgendwo muss ich Geld herbekommen. Ich hatte unterwegs nochmal halt gemacht und mein Konto geplündert. Aber nochmal geht das nicht wegen der Spuren. Ziemlich blöd, dass man nur einen Maximalbetrag abheben kann. Sonst hätte das Jahre gereicht.

18. September 2072

Meine Augen tun weh und brennen. Aber ich glaube, das war die beste Lösung. Ich war eh kurzsichtig. Und hier ist es meistens dunkel. Mit Taschenlampen herumzurennen ist jedoch nicht ratsam in diesen Gegenden. Katzenaugen. Ich hoffe, der Typ wusste, was er tat. Er war nicht dass, was ich mir unter einem Arzt vorstelle. Ich darf die Augenbinde erst morgen wieder abnehmen.
Ich habe Angst.

24. Dezember 2072

Weihnachten. Was meine Eltern wohl machen? Hier gibt es keine Bäume, keine Geschenke, kein nichts. Irgendwo drüben in den Gangrevieren haben sie ein riesiges Feuer entzündet.
Ich brauche dringend Geld. Ich sitz hier fest.

1. Januar 2073

Neues Jahr, neues Glück. Vielleicht stimmt das ja wirklich. Ich bin zu den Feuern gegangen. Anscheinend waren die Ganger auch in Weihnachtsstimmung. Zumindest versuchten sie mich ausnahmsweise mal nicht zu bestehlen, abzuballern oder schlimmeres. Sie duldeten mich am Feuer und ich glaub, sie haben mich aufgenommen. Mal schauen, was man daraus machen kann.

13. Januar 2073

Familie. Die Bedeutung dieses Wortes wird einem erst klar, wenn man sie erfährt. Es ist hier dreckig, es ist hier schmutzig. Man säuft, prügelt und ... naja. Und ich fühle mich hier wohl. Endlich kann ich machen was ich will. Endlich kann ich sagen, was ich will. Und endlich werde ich für das anerkannt, was ich wirklich bin und mache, und nicht, weil meine Eltern stinkreich sind.
Meine Eltern. Ich vermisse sie. Aber ich will diese frisch gekostete Freiheit auch so schnell erst einmal nicht aufgeben. Wer hat in seinem Leben schon Gelegenheit, zwei völlig kontroverse Lebensstile auszuprobieren.

Rattenfleisch schmeckt übrigens besser, als man immer annimmt. Klar, kein Filet, aber nach einem halben Jahr Extremdiät das köstlichste, was man sich vorstellen kann.

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