Völkerverständigung


2004-12-19

Die Penetranz mancher Menschen im Ignorieren sämtlicher Ich-will-mich-nicht-mit-Dir-unterhalten-Zeichen ist bemerkenswert. So gerade eben mal wieder auf dem Weg zur Arbeit passiert.

So eine U-Bahn-Fahrt ist ja recht langweilig .... nagut, eigentlich nicht, aber ich versuche sie lieber aktiv für mich angenehm zu gestalten, als sie zu „erleben“. Das klappt nicht immer. Eines meiner Lieblingsmittel ist die Beschäftigung mithilfe eines Buches oder eines handgroßen, elektronischen Spielzeugs. Momentan habe ich da gerade ein recht nettes Adventure am Wickel, was sich im hektischen Auf-Die-Knöpfe-Hämmern in der U-Bahn äußert (den Piepssound hab ich jedoch höflichkeitshalber deaktiviert).
Nun kann man davon ausgehen, dass man in der technologischen Untergrundbewegung zur Rushhour definitiv einen Sitznachbarn hat, sofern man denn einen Platz ergattern konnte. Normalerweise sind das sehr angenehme Zeitgenossen, die im Zombiemode mit dem Ein- und Ausatmen ausgelastet sind. Aber manchmal hat man dann diesen überkommunikativen Typen mit Flirtambitionen.

daddel daddel smotsch smotsch

U-Bahn hält. Zombie erhebt sich. Zombie schlurft seiner Bestimmung durch die Schiebetür entgegen.
Neuer Schatten setzt sich neben einen.

verweifelt Slalom um die Monster und zum Herz renn

„Ududah?“

Herz erreich, aufatme, zurück zu den Monstern dreh

Der Schatten unterschreitet eindeutig den Mindestabstand, der sogar in U-Bahnen beim Nebeneinandersitzen existiert.

„Ha-uh?“

verzeifelt auf -Pause- hämmer und genervt zur Seite Blick

„Ha-uh? Ui-assd -uh?“

verstaendnislos den Schatten anblinzel, Rückschluesse zieh, Enthacker und Decodierer zwischenschalt

Der Schatten zeigt ein Lächeln.

ratter ratter stotter ratter --- Matching found --- result: 'Hallo? Wie heisst du?'

Zugegeben, von Deutschfremdsprachlern erwarte ich keine durchgefeilten Anmachsprüche mit Situationskomik und aktuellem Politbezug. Offengestanden erwarte ich das inzwischen auch nicht mehr von meinen Flaggengenossen. Aber ein dermaßen lahmer Spruch an eine offensichtlich beschäftigte Game-Boy-Zockerin ohne jeglichen Kommunikationswillen morgens völlig übernächtigt auf dem Weg zur Arbeit? Nunja ... elementare Höflichkeit. Rücken wir mit dem Nickname raus und zocken weiter. Dann gibt der hoffentlich Ruhe.

Ich: „seebee“

pause wieder freischalt, kurz schwitz, zufrieden weiterzock

Schatten: „Ha-uh! Iech ahse manne-ähze.“

ratter ratter ratter --- 'Hallo! Ich hasse meinen Käse.' ---- Hmm ... nein .... ach, egal. Zockdaddel

Schatten (noch näher rüberbeug, obwohl ich der festen Meinung war, das ginge nicht mehr): „[unmerkbares und unübersetzbares Kauderwelsch, in dem ich einige, deutsche Wörter vermutete, jedoch nicht in einen sinnvollen Zusammenhang bringen konnte]“

Ich (ohne Aufzublicken total beschäftigt mit dem Dungeon-Halbboss): „hmmhmm“

Schatten (_noch_ weiter rüberbeug und damit die Sicht auf Minimoni verdeck): „As-spaels-uuh?“

hektischst auf -Pause- hämmer und nochmals den Dekoder bemüh: 'Was spielst Du?'.

Nun wäre meine übliche Standardantwort etwas wie: „Junge, verzieh Dich und geh im Aldi Duschen!“ Aber wir alle sind Deutschland. Und wie sind gut. Und wir sind offen und multikulturell und achten einander. Also antwortete ich in der Tat noch einigermaßen sinnbestückt auf die Frage des inzwischen auf zungenschlagnähe Herangekommenden. Wir ich das hasse. Ich bin nord-norddeutsch. Hier oben hat man Fische und Ziegen. Unser gewohnter, zwischenmenschlicher Mindestabstand kann schonmal einen Kilometer betragen. Aber Mitteldeutschland ist da ja nicht ganz so verbiestert, also muss man sich da halt anpassen.

Ich setze mich also so, dass eine Sichtverdeckung des kleinen Plasmas anatomisch gesehen für einen menschlichen Körper absolut unmöglich ist, und versuche die Fragen (sofern ich sie denn überhaupt decodiert bekomme) möglichst kurz, einfach und neutral zu beantworten. Dieses kalte-Schulter-zeigen wirkt eigentlich immer recht schnell. Man wird dann als Zicke oder frigide oder sonstwas beschimpft, aber jeder hat das Recht auf Meinungsäußerung :)
In Ghana scheint diese kalte Schulter aber das Stammeszeichen für Ich-will-ein-Kind-von-Dir zu sein. Mein Pech. Der freundliche Paarungssuchende war aber wohl schon lange genug hier in unsrem kalten Land, dass er zumindest wusste, dass einige Exemplare der Kategorie Deutschzicken auf ungefragte zwischenmenschliche Berührungen gleich welcher Art mit der Einleitung von Kampfzeremonien beginnen.

So fragte er mich noch einige Zeit Löcher in den Bauch (Was ziemlich ungünstig ist bei der Bewältigung einer komplexen Monster-Slash-Aufgabe). Unter anderem auch, wo er denn rausmüsse, wenn er da und dort hinwolle (und ob ich nicht mitkommen möchte). Nach vielen wie-bitte hab ich die Frage sogar vollständig verstanden. Irgendwann war ich dann der Meinung, es reicht und meinte trocken: Sie müssen hier aussteigen. Das hat er dann auch getan. Keine Ahnung, obs richtig war. Ich bin ja so gemein.

Und jetzt sitze ich hier und sehe, dass mein (vitnamesischer, austauschsstudentenprogrammteilnehmender) Arbeitskollege wohl gestern Nachmittag mein vor einigen Tagen mühsam erstelltes Script für die Rechteverwaltung der Nutzer durch sachgemäße Updates etwas außer Funktion gesetzt und ein klein wenig unbrauchbar gemacht hat. Dabei hätte ein kurzes Nachfragen gereicht, um das Debakel zu verhindern. Theoretisch. Praktisch macht mich Tu's Standardantwort „ja“ manchmal schon recht stutzig. Nicht alle Fragen von mir lassen sich mit Ja oder Nein beantworten.

Ich glaube, auf dem Gebiet der Völkerverständigung müssen wir also alle noch sehr viel Arbeit leisten. Als multikurturelles Informationsland wäre es eine interessante Alternative, bereits im Kindesalter diverse Sprach- und Verhaltenskurse anzubieten, um mit der nichthiergeborenen Bevölkerung angemessen kommunizieren zu können. Nicht also, dass ich bei meiner nächsten U-Bahn-Fahrt versehentlich die Mutter, den Vater, den Familienhund und das Heimatland eines Mitreisenden tödlichst beleidige und uns in einen Krieg reinreite.


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