Nachwuchs und andere Unannehmlichkeiten


2006-10-04

Die Deutschen sterben aus, sagen die Medien. Es gibt zuwenig Nachwuchs schreiben die Zeitungen. Ach echt? Konzentrieren sich die Teppichratten dieses Landes dann auf meine unmittelbare Umgebung? So wenn ich einmal im Jahr zu faul fürs Fahrrad und zu geizig für den Autosprit bin und mein Studententicket für die Straßenbahn nutze? Legen die Schulklassen genau für diesen historischen Augenblick, an dem seebee beschließt, StraBa zu fahren ihre Klassenausflüge in jahrelanger akribischer Vorplanung auf die von ihr zu absolvierende Teilstrecke?

Da freut man sich in dem einen Augenblick noch, dass man seine unterentwickelten Lauffüße schonen kann und einen Sitzplatz ergatterte, und stellt an der nächsten Haltestelle fest, dass man sich damit auch gleichzeitig jeglicher Fluchtmöglichkeit beraubte. Schon beim Nahen an die Haltestelle wird man aufgrund der Geräuschkulisse auf den recht kleingewachsenen, bunten Farbenmischmasch aufmerksam. Zu dem Zeitpunkt hofft man noch, dass es nicht diese Bahnnummer ist, die zur Eroberung auserkoren wurde. Aber natürlich ist sie es. Denn alles andere würde uns ja den dramaturgischen Höhepunkt dieser Straßenbahnfahrt entziehen.
Als nächstes darf man dann staunend beobachten, wieviele Nachwuchsgremlins es wirklich versuchen, gleichzeitig durch die Tür zu kommen. Noch erstaunlicher ist es, dass es bislang jedes mal ohne Knochenbrüche ablief. Ein Erwachsener hätte nach solch einer Aktion drei Wochen Krankenhausaufenthalt benötigt. Aber Kinderkörper haben da wohl ganz besonderer Superkräfte. Apropos Erwachsener. Die armen Schlucker, die tatsächlich an dieser Haltestelle raus wollten, überlegen es sich nun anders und beschließen angesichts der rein- und vorwärtsdrängenden Masse, es doch mit der nächsten zu versuchen. Die Kindersuperkräfte verschwinden schließlich mit dem Alter.

Die nächsten Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, sind dann angefüllt mit Extrem-Reise-nach-Jerusalem-ing. Das Ziel scheint dabei zu sein, möglichst viele Kinder auf einen Sitz zu bekommen, wobei der unterste schnellstmöglich rausflutschen muss um wieder etwas Platz für einen Neuen zu machen, der die oberste Stelle einnimmt. Ich versuche mich in meiner Strategie des Grimmig-Gucken. Unglücklicherweise habe ich heute meine schwarze Lederkluft inkl. der „lebensbejahenden“ Symbole mit einem fast schon modekonformen Dress getauscht, da ich behördlich vorstellig werden muss. Die Öffentlichen reagieren auf einen Möchtegernrocker immer etwas komisch. So wird die Wirkung des „Komm-mir-zu-nahe-und-ich-fress-dich“-Blicks weit genug herabgesetzt, dass auch ich meine zwei Dezibel-Schleudern auf dem Nachbarsitz abbekomme.
Es ist schon faszinierend, dass eine Kinderstimme ununterbrochen diesen Geräuschpegel erzeugen kann, ohne heiser zu werden. Damit sind unsere, über alles geliebten Blagen eigentlich prädestiniert, anstelle unserer heutigen Bands aufzutreten, da wohl niemand mit dieser Inbrunst und dieser Lautstärke ins Mikro krakeelen kann. Aber wenn ich recht darüber nachdenke, sind die wohl schon von alleine darauf gekommen und vergewaltigen unsere Charts nun mit Liedern über Monsune, und schreien dabei, dass man sie retten soll. Nichts leichter als dass. Leg die Gitarre weg und hör auf, ein Mädchen sein zu wollen! Und das mit dieser geschwollenen Halsschlagader sieht bei Babys einfach lächerlich aus!

In der Zwischenzeit kann man nun aufschlussreiche Studien über den Erfolg unserer modernen, anti-autoritären Erziehung aufstellen. Diese könnte durchaus auch ein Grund über den angeblich kaum vorhandenen Nachwuchs hier in deutschen Landen sein. Ein Teil der Gnome wird einfach mal eben im Vorbeigehen von genervten Radikalen wie mir erwürgt. Genau genommen gehöre ich wohl zur gelackmeiertsten Generation überhaupt. Mir wurde Respekt vor den Älteren noch eingeprügelt. Und wenn meine Eltern mit der Ohrfeige mal nicht zur Hand waren, haben das auch gerne die „Großen“ aus den übergeordneten Jahrgängen in der Schule übernommen. Dann aber nicht nur mit der Hand. Also beschloss man, möglichst schnell groß zu werden, um dann auch mal treten zu können. Aber nix da. Jetzt sind es die Kleinen, die einen anpöbeln und um sich treten. Das Schlimme daran ist: tritt man zurück, gibt’s von irgendwoher ein Riesengeschrei und man hat ne Klage am Hals. Von wegen Kinderschlagen und sowas alles.

Irgendwann ist schließlich die StraBa an meiner Haltestelle angekommen. Ich kämpfe mich durch die laute, zappelnde Masse, quittiere die blauen Flecke postwendend mit eigenen Tritten und sehe zu, dass ich schnell außer Reichweite der Betreuer bin, die wohl demnächst aufmerksam werden. Beim Schließen der Türen schaue ich mitleidig auf die neiderfüllten Blicke der anderen Fahrgäste, die das Freistilwrestling noch eine Weile genießen dürfen.

Deutschland sterben die Kinder aus? Zeigt mir wo und ich zeige euch gepackte Umzugskartons.


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