Menschen wie Hunde


2011-02-01

Nachbarn. Wand an Wand. Wie ich sie liebe. Wie schön war doch das Leben auf dem kleinen Stückchen Acker mit dem hoffnungslos überquellenden Briefkasten, der für meinen Geschmack leicht untertemperierten Dusche, den eindeutig untertemperierten Räumen, der arachnoiden Vielfalt im Garten … verdammt was schreib ich hier eigentlich. Großstadt ist toll! Oder wäre sie zumindest, wenn da nicht die ganzen Menschen, allen voran die Nachbarn wären.
Aber es ist auch ein wenig meine Schuld. Es war als kontaktabgeneigte Deutschzicke wohl nicht ganz so durchdacht meinen Wohnort ausgerechnet in eine Großstadt und ausgerechnet in ein Hochhaus zu verlegen, dessen Hauptaugenmerkt beim Bau wohl die Transparenz in der nachbarlichen Kommunikation war.

Das Schlafzimmer grenzt an das Kinderzimmer des ersten Nachbarn an. Kinderreiche Familie. Sehr emotionale, kinderreiche Familie. Sehr emotionale, kinderreiche Familie mit elterlichen Zwistigkeiten. Ehekrach führt man im Kinderzimmer. Schon klar. Wo auch sonst. Zumindest nehme ich an, dass das Ehekrach ist. Die Familie stammt aus dem nordöstlichen Sprachraum, weswegen ein inhaltliches Mitverfolgen des „Gesprächs“ sich für mich als schwierig gestaltet. Es kann natürlich sein, dass sie sich und den Kindern lediglich eine gute Nacht wünschen. Und einen guten Morgen. Und manchmal auch einen guten Mittag. Also Mahlzeit dann wohl. Gegessen wird also im Kinderzimmer.
Zudem singt die weibliche Erziehungsperson gerne und hört dazu passende, getragene Gesangsmusik. Das dann auch schon gerne mal am Samstag morgen gegen neun Uhr. Also wenn man gerade mal drei Stunden im Bett ist. Mein Mann und ich haben ihr aber zumindest diese Angewohnheit abgewöhnt – die Vermutung, dass Metallica nicht ganz ihr Geschmack ist, war wohl richtig. Exit Light, enter Night!

Der versuchte Auszug samt Bettzeug ins Arbeitszimmer brachte leider nicht den gewünschten Tagschlaf. Nachbar zwei hat ebenfalls sein Kinderzimmer in unsere Richtung aufgebaut. In dem Fall wird es bewohnt von einem einzelnen, wahrscheinlich männlichen CS-Zocker mit Affinität zu Techno. Die Bässe kommen wirklich gut durch. Sowohl beim Headshooten als auch beim Musikhören. Und während ich versuche die Augen zu schließen und entspannende Traumbilder zu beschwören, kommen die Gedanken hoch: „Wirf die Granate Du b00n! – Ducken! – Year, da vorne sind die Geiseln!“. Verdammt.

Bleibt noch das Wohnzimmer. Nachbar drei unter uns ist schwerhörig. Oder er/sie/es mag es einfach laut beim Fernsehen. Wobei ich nicht verstehe, warum man Dolby-Surround bei Doku-Soaps brauch. Filme können es nicht sein, denn es wird irgendwie nur pausenlos dumpf gequasselt ohne großartige Filmmusik oder zumindest saftige Explosionen. Da war Counter-Strike im Traummodus zumindest noch unterhaltsam. Auf alle Fälle sehr viel angenehmer, als von Bauer-sucht-Frau in den Schlaf begleitet zu werden.

Lediglich Nachbar vier über uns scheint einigermaßen ruhig zu sein. SIE hat nur sehr selten Stöckelschuhe an und ER brüllt auch nur gelegentlich das Haus zusammen. Gut. Ihre Zurückbrüllstimme ist unangenehm schrill und bringt die Gläser in der Küche zum Klirren. Aber Dank den Mc-Donalds-Aktionen haben wir davon eh zu viele.

Haben sich alle Nachbarn verschworen und essen im Kinderzimmer, zocken Techno-CS, begleiten Bauer Heinrich beim Werben um Uschi und zerbrüllen Küchengläser bleibt nur noch die Flucht raus aus der Bude.
Im Hausflur wird man als erstes von der neuen kulinarischen Geruchskreation von Nachbar fünf begrüßt, die dummerweise auch gelegentlich bis in unseren eigenen Wohnungsflur zieht. Meine Nase und mein Gehirn sind sich allerdings immer noch nicht so ganz einig, ob das wirklich etwas zu essen ist oder einfach nur ein gebadeter Hund getrocknet in der Mikrowelle. Davon haben wir hier nämlich mehr als genug. Hunde – nicht Mikowellen. Die schickt man ja pflichtbewusst an Gallileo. Also die Mikrowellen. Nicht die Hunde.

Der Fahrstuhl, den man im Anschluss an einen geplanten Ausflug betritt, riecht in der Regel nach mehreren Hunderudeln. Das erstaunliche daran ist, dass für diese kuschlige Atmosphäre hauptsächlich lediglich zwei Bassets verantwortlich sind. Dicke, auf dem Boden schleifende Bäuche, blutunterlaufene Augen, beständiger Sabber der Marke Ich-wollte-eine-Schnecke-werden hinter sich herziehend - ein echter Familienfreund zum knuddeln und herzen.
Wie viele Hunde wir hier wirklich in der unmittelbaren Umgebung haben sieht man, wenn man den Hundeweg entlang geht. Das ist ein betonierter Pfad neben der Hauptstraße ohne Begrünung. Ein ideales Trainigsgelände für alle, die Hüpfen und Slalom mögen. Die Hunde spielen dort das Spiel „Mein Haufen ist größer und toller als Deiner.“ Somit muss dieser natürlich so platziert werden, dass er nicht übersehen werden kann. Dieses Nichtübersehenwerden hilft einem als Fußgänger aber auch nicht allzu viel. Wie schon erwähnt. Alle Hunde aus der Umgebung spielen dort dieses Spiel. So ist es also nicht verwunderlich, dass man sich doch wieder in den eigenen vier Wänden wiederfindet, nachdem man die örtlichen Sehenswürdigkeiten unter die Lupe und die Nase genommen hat.

Immerhin, in den vier Wänden stehen inzwischen auch eine Dolby-Surround-Anlage und ein Guitar-Hero-Schlagzeug. Wie meine Nachbarn wohl _mich_ inzwischen nennen?


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