Oh du fröhliche-he ...


Aus dem Archiv 2003

Da latschte ich so durch den Supermarkt auf der Suche nach den Gummibärchen, als ich durch ein Markerschütterndes Ho-Ho-Ho wie zur Salzsäule erstarrt stehen bleibe.
Da ist er. Der Alptraum meiner durchzechten Mittsommernächte. Rotgekleidet und nicht fähig, einen Rasierapparat zu bedienen. Irritiert sehe ich nochmal an meinem T-Shirt hinunter und an dem Pelz-Overdressed-Papptypen hinauf.

Nun heißt das ja auch, es gibt endlich wieder Lebkuchen und Marzipankartoffeln. Zwei Sachen, bei denen ich absolut nicht die Bindung sehe zu der Geburtenbefähigung zweier alter Wanderfreunde mit Affinität zu Stallübernachtungen. Natürlich ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines Lebkuchen in der Mittagssonne eines Augusttages nicht sonderlich hoch. Zumindest nicht, wenn ich in Reichweite bin :)
Aber das ist doch kein Grund, die Produktion spontan über die Normalmonate auszusetzen! Auch Lebkuchen wollen leben. Jederzeit!

So sinnierend steh ich sabbernd vor den schokoladigen Herrlichkeiten, als das Ho-Ho-Ho wieder mein Auge zum Zucken bringt. Ich versichere mich nochmals der strahlenden Sonne draußen, der T-Shirtbekleideten Masse um mich herum und meines Planes, vielleicht dieses Wochenende das letzte Mal in der Session noch schnell zum Strand zu fahren und in die Ostsee zu springen. Ich fange innerlich an, bitterlich zu weinen. Bis Weihnachten dauert es noch _Monate_! Monate, angefüllt mit dickbäuchigen Werbeerfindungen einer Zuckerwasserfirma. Im Radio säuseln schwanzgetretene Stimmchen über heilige Nächte untermalt von nervigen Glockengeschinge. Die Blicke der Menschen um mich herum werden anfangen, sich zu verklären und diesen bekifften Ausdruck anzunehmen. Nein, das war jetzt gemein. Kiffer blicken dagegen wie eine Politesse mein Strafzettelzücken.
Und dann wieder dieses spaßige Spielchen: Fang das Weihnachtsgeschenk. Nun weigere ich mich, Socken oder Kerzenständer oder ähnliche spaßbringende, dem Weihnachtsfest angemessene Sächelchen unter meiner Verwandtschaft zu verteilen. Ich mach mir wirklich noch einen Kopf, wie ich es schaffen kann, dass der Beschenkte nicht seine Schauspielkünste beim Betrachten des entpackten Wunderwerkes hervorkramen muss. Immerhin erwarte ich es auch von meiner Umgebung. Naja ... ein Teil meiner DNS-Internpool-Mitverwalter hat es bis zum Ende meiner Kindheit nicht gerafft, dass mir Puppen mal eben schnurzegal waren. Das Ergebnis war eine verstaubende Puppensammlung, die ich inzwischen zumindest teilweise an die nachwachsende Generation (Nichten) weiterreichen konnte.
Da ich ein rational denkender Mensch bin, ging ich also dazu über, konkrete Wunschlisten auszuteilen. Ab dann klappte es. Nunja, fast. Wie kann man jemandem seine Geringschätzung zum Ausdruck bringen, obwohl man die Wunschliste erfüllt? Man organisiert sich die Wunsch-CD gebraucht, mit Kratzern und nach Rauch stinkend. Oh holde Schauspielkunst ... so wird man auch zum Live-Rollenspieler erzogen.

Und dann ist da natürlich noch die Sache mit dem Baum. Bei uns läuft das ungefähr so ab, dass uns 20h vor der Bescherung einfällt, dass da ein elementares, germanisches Brauchstück fehlt. Hätten unsere Vorfahren nicht einfach bei Olivenzweigen bleiben können? Aber nein, die Barbaren mussten sich natürlich gleich einen ganzen Baum holen! Und so machen wir das nun jedes Jahr. Im viel zu kleinen Auto. Bäume hochstemmen, abschätzen, wieder weglegen und nächstes Exemplar suchen.
Hat man das Ding endlich zu Hause, ist die Hälfte der Nadeln bereit fröhlich im Auto verstreut und erinnert einen noch Wochen später an dieses wundervolle Fest. Dann ist man stundenlang mit dem Schmücken beschäftigt, nur um zum Schluss festzustellen, dass eine Birne in der Lichterkette kaputt ist und die Läden inzwischen doch dazu übergegangen sind, geschlossen zu sein.

Aber das wahre Grauen dieser Tage wird sich erst noch einstellen. Verwandtschaftsbesuche. Man latscht zu denen und die latschen zu uns. Und das alles, um sich stundenlang im verkrampften Smalltalk zu ergehen. Zugegeben, unser Verhältnis zu unseren Verwandten, die nicht unmittelbar an meiner Entstehung teilhatten, ist inzwischen etwas entfernter geworden. Das könnte auch daran liegen, dass wir letztes Weihnachten radikal alles ausgeladen hatten, was auch nur annähernd mit uns verwandt sein könnte. Vielleicht läge es im Bereich des Möglichen, es dieses Jahr zu wiederholen und zumindest diesen Horror zu eliminieren. Sollte ich im meinen Brief an den Weihnachtsmann gegebenenfalls erwähnen.

Ich habe jedenfalls mit einem vernichtenden Blick auf den Pappkamerad mit Gilett-Unkenntnis - mir eine große Packung Marzipankartoffeln eingesteckt. Frustfuttern ist zumindest eine Ansatzlösung, um Weihnachten ein wenig aus dem Bewusstsein zu drängen. Sollte ich jemals mit karieszerfressenden Zähnen an einem Zuckerschock sterben, kann ich dann zumindest sagen: Der Weihnachtsmann war schuld!


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