Keine Nacht den Drogen!


2008-07-28

Ich sitze mit blutunterlaufenen Sehorganen nachts um fuenf vor meinem Rechenknecht und lausche dem irgendwie leicht unangemessenem Wummern meiner guten alten Blutpumpe. Dabei schaue ich immer wieder nervoes abwechselnd zur Uhr und zu meiner eigentlich recht kuscheligen Schlafstatt. Ja, ich wuerde wirklich gerne schlafen. Nicht, weil ich der Meinung bin, die Nacht ist zum schlafen da. Auch nicht, weil ich sonderlich muede bin. Vielmehr, weil ich der Ueberzeugung bin, es waere angemessen, frisch und ausgeruht zu einem Bewerbungsgespraech zu erscheinen.
Nun mag es durchaus Branchen geben, in denen Augenringe und Lichtempfindlichkeit zu einem guten Bewerbungsprofil gehoeren, aber irgendwie bin ich immer noch nicht so wirklich von der Existenz der Nosferatu ueberzeugt.

Aber zumindest habe ich mal wieder etwas gelernt. Genauer gesagt, ich habe vorhandene Kenntnisse weiter vertieft. Und so schwenke ich innerlich hysterisch kreischend die imaginaere Flagge: "Keine Macht den Drogen!".
Ich rede nicht von so harmlosem Zeug wie das gute alte Heroin von Bayer. Seine Gefaehrlichkeit ist inzwischen weitgehend aufgeklaert und es ist aus den Apothekenregalen verschwunden. Ich warte ja immer noch darauf, das selbiges mit seinem teuflischen Bruder Asperin (von Bayer) passiert.
Nein. Ich rede von heimtueckischen, versteckten Drogen, ueber deren Wirkung und Gefaehrlichkeit der arme Endverbraucher vollkommen im Dunklen gelassen wird. Da werden langatmige Aufklaerungskampanien von unseren objektiven und von allen geschaetzen Medien gestartet. Keine Rumkugeln naschen und hinterher Auto fahren. Raucher werden mit der Nachricht ueber ihren baldigen Tod auf der Aussenverpackung ihrer Tabakroellchen ueberfallen. Seit neustem muessen sie sich sogar in geheimen Klubs treffen, denn in der Oeffentlichkeit wird so etwas gar nicht mehr gerne gesehen.
Und selbstverstaendlich lasse ich von all dem brav die Finger. Ich bin schliesslich ein moderner und aufgeklaerter Nacktaffe.

So unterhalte ich mich also angeregt mit unserem Besuch und setze Tee auf. Leckeren, aromatisierten, schwarzen Tee. Das Gespraech geht weiter. Schliesslich kommt irgendwann doch der Einwurf, ob man zu dem Tee vielleicht auch gleich Zucker servieren koenne. Ich sehe auf die Uhr und schlucke. Wo genau liegt eigentlich der Rekord im Langzeit-Teeziehen?
Ich sehe zweifelnd zur kleinen Teekanne. Sie laechelt mich harmlos an. Ich schlucke wieder. Als ehemaliger TV-Junkie habe ich jedoch eine ganze Reihe Motivationssprueche auf Lager. Ich denke konzentriert: 'Ist er zu stark, bist du zu schwach!', stapfte mit trotzig zitternder Lippe zum Teekesselchen und giesse mir todesmutig eine Tasse Tee ein.
Als dann nehme ich die vierfache Menge des sonst ueblichen Rohrzuckers hinzu. Zwei weitere Fischermaenner sind geneigt, ihre Staerke zu beweisen, bestehen aber ebenfalls auf eine Versuessung.

Der Tee schmeckt bitter. Aber andererseits ist kakao-hochprozentige Schokolade doch auch gerade modern. Und die ist ebenfalls bitter. Kann jetzt also nicht schlecht sein. Und in der Tat gewoehnt sich der Gaumen alsbald an das herbe Getraenk. Schliesslich giesse ich mir eine weitere Tasse ein. Und hier haben wir eigentlich schon den ersten Beweis fuer die Gefaehrlichkeit: Mein Denkvermoegen ist ganz offensichtlich rapide eingeschraenkt.

Dermassen zugedroehnt bekomme ich (was ja auch sehr typisch ist) meinen bewusstseinsveraenderten Zustand in keinster Weise mit. Schliesslich und endlich wird der Besuch verabschiedet (einer von uns drei Frischermaennern wurde ploetzlich hypernervoes und konnte nicht mehr stillsitzen) und es wird Zeit zu Bett zu gehen. Morgen ist ein wichtiger Tag.
Und so liege ich im Bett und starre die Musterung der Tapete an. Und mir wird klar, dass die Durchlauf-Geschwindigkeit meines koerperinternen Sauerstofftransportmediums in keinster Weise fuer geplante Bewusstseinsreduzierung foerderlich ist. Meine Augen wandern unruhig hin und her. Mein Koerper schreit nach Bewegung. Ich stehe auf.

Die Droge, vor der ich euch warnen will, meine Brueder, ihr Name sei Methyltheobromin. Sie ist enthalten im Kaffee, im schwarzen Tee, in Cola, in Energy-Drinks und in Bitterschokolade. Meidet die Einnahme dieser Substanzen. Sollte es sich aus politisch korrekten Gruenden nicht vermeiden lassen, so achtet auf ihre Konzentration. Verlangt ruhig ein Glass Mineralwasser zu den euch angebotenen Substanzen. Dies neutralisiert die Droge zwar nicht, aber vermindert vielleicht ihre Konzentration ausreichend, auf dass euer Koerper die Auswirkungen schnell und gefahrlos abbauen kann.

Helft mit bei der Aktion "Zitterfei und Schlaf dabei". Verteilt Handzettel und bringt auf jeder Tchibo-Packung Hinweise an. "Kaffee gefährdet eure Bewerbungsgespraeche" und "Kaffeetrinker schlafen kürzer."

Helft mit Deutschland sauber und drogenfrei zu machen.


Ein Betroffener.


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