Eine Frage der Balance


2007-02-08

Gähnend wache ich auf. Das Dämmerlicht durchschleicht sanft mein Schlafzimmer und mein Magen ist der Meinung, dass ich schon längst am Frühstückstisch sitzen sollte. Ich bewege mich also ungehalten aus meine Schlafmulde. Nach über einer Stunde habe ich auch endlich meine Browsergames fertig geklickt. Ihr glaubt, WoW kostet Zeit? Ha! Lapalien!
Mit inzwischem mordlüsternden Magen bin ich nun zur organisierten Nahrungsaufnahme bereit. Ich öffne also den Kühlschrank und stelle fest, dass sich meine Leberwurst über Nacht etwas ganz besonderes für mich hat einfallen lassen. Sie guckt mich treuherzig an und willl so richtig gewuschelt und gestreichelt werden. Ich scheuche sie eiligst in die Mülltonne, bevor sie sich auch noch Füße wachsen lässt und mich in meinem Bettchen besuchen kommt.
Also erstmal einkaufen.
Mein Magen grummelt.

Ich schaue auf die Uhr und werde spontan RICHTIG wach. Verflixt. Der Schimmelladen um die Ecke schließt in einer halben Stunde. Manchmal frag ich mich echt, wie es Vampire schaffen, in dieser Welt zu überleben. Ich kratze also hektisch etwas Geld aus dem Sofa, schlüpfe unter meinen Mantel und springe in meine Stiefel. Es muss dazu gesagt werden, dass das In-die-Stiefel-Springen nicht das Zuschnürren der Schnürrsenkel beinhaltet. Unter Zeitdruck schnappe ich mir üblicherweise nur eine der drei Schnallen und ziehe sie unsachgemäß quer über den Stiefelschaft rüber, so dass ich mich nicht ganz so wie ein Cowboy mit übereifrigen Sporren anhöre. (Durch die Luft fliegende Schnallen sieht auch albern aus).
Heute soll mir das noch zum Verhängnis werden.

Meine Einkaufmethode ist einfach. Nimm was du brauchst, außer einen Einkaufswagen. Da menschliche Arme eine recht geringe Ladekapazität haben, bleibt der Overflow immer noch einigermaßen im Rahmen. Ich bin also hier, um Leberwurst und Brot zu holen. Das bedeutet: Wasser, Brot, Leberwurst, Joghurt (3x), die Mohrrüben gibt’s heute im Sonderangebot (die Kilopackung) und natürlich das Hauptnahrungsmittel Rahmen (extremst billige, asiatische Nudelsuppe). Achja ... ganz vergessen ... Gummibärchen.
Ich hätte es nicht tun sollen. Ich verstehe eh nicht, warum der Schimmelladen die Gummibärchen nicht auf der Greifhöhe anbietet, sondern in der alleruntersten Bückzone.

Wir fassen also zusammen: Arme voll beladen und mühsam ausbalanciert mit einem halben Wocheneinkauf. Ein langer Mantel, der sich elegant und hinterhältig um Beine und Stiefel schlingt. offene, extralange Stiefelschürsenkel, die sich unter die gegenüberliegende Stiefelsohle schummeln möchten, Gummibärchen ganz unten im Regal in der Bückzone.
Es ist manchmal erstaunlich, wie dämlich ich sein kann.

Man muß mir jedoch zugute halten, dass selbst nach dieser wohl wahrlich unterhaltsam aussehenden Turneinlage mit dem eleganten Hinternlander keins meiner ach so wertvollen Einkaufsgegenstände meine Umklammerung verließ. Ich brauche auch nur drei Versuche, um Mantel, Schnürrsenkel und meine eigenen Körperanhängsel ohne Zuhilfenahme der Arme (die waren schliesslich mit dem extrem wichtigen Einkauf beschäftigt) zu sortieren und mich wieder in die postprimatische Position zu begeben. Ich habe inzwischen ein sehr gespannt zusehendes Publikum. Gnädigerweise lacht keiner. Ich sehe wahrscheinlich zu genervt dafür aus. Das bessert sich auch nicht gerade, als ich – mit langsam doch schon etwas zitternden Armen – an der Kasse ankomme und der Platz auf dem Warenförderband dummerweise nicht an meinem Ende ist. Dafür großzügig dazwischen. Es sollte in Schulen ein Pflichtfach eingeführt werden. Wie benutze ich diesen Warentrennungsstab, der überall an den Kassen ausliegt.
Ich habe jedoch meine Kostbarkeiten nicht dermaßen lange beschützt, um nun klein bei zu geben. Muskeln sind zum spannen da.

Irgendwann kann ich mein Zeugs endlich seufzend auf mein Sofa fallenlassen und den Joghurt beobachten, wie er ob der tollen Federung prompt wieder herunterspringt und den Fußboden beglückt. Egal. Erstmal etwas essen.
Ich schnappe mir das Brot, die Wurst und gehe zum Kühlschrank, um die Milch zu holen. Das hätte ich vielleicht früher tun sollen. Der Karton ist so seltsam gebläht. Ich schaue auf die Uhr. 19:05. Mist.

In einer Zeit, in der diskutiert wird, Läden durchgängig zu öffnen ... wie kann es da eine Konsuminstitution geben, die das nicht mal bis 20:00 hinbekommt? Seit Jahren nicht?

Die Welt ist wahrlich nicht nett zu uns Nachtmenschen.


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